Das „Grosse Ö“ – SwimRun World Championship 2017

Unsere Teilnahme an der SwimRun World Championship ÖtillÖ 2017

15. Oktober

Gestern war die World Championship der Triathleten in Kona/ Hawaii. Die Schwimmbedingungen seien hart gewesen, „washing machine bumpy“ ….. sofort waren die Bilder über meine eigene Teilnahme an einer Weltmeisterschaft wieder da. DAS war „washing machine bumpy“. Die SwimRun World Championship 2017 wartete mit heftigsten Bedingungen auf.

Ich habe, wir haben die Ziellinie nicht erreicht. Das nagt auch heute noch und die „Fehleranalyse“ lief lange danach noch, Tag für Tag. Fazit: es hat eben nicht alles gepasst.

Aber von vorne.

Utö – Home of SwimRun

Es war ein grandioses Wochenende in Schweden. SwimRun World Championship 2017. Auf Utö angekommen, haben wir unsere Unterkunft bezogen, die Stuga Näsudden. Ein Traum mitten im Wald und trotzdem nahe zum Meer. Die Wälder voller Pilze und Blaubeeren. Erster Wasserkontakt gleich am Freitag nachmittag, für Michael und Andreas eine kleine Trainingseinheit, da sie zusammen am Samstag beim Final15 starten würden. Das Wasser frisch, aber nicht kalt, dafür voller Quallen. Harmlose Ohrenquallen, aber im ersten Moment zuckt man schon zurück.

Julian und ich machten uns am Samstag einen gemütlichen Tag und radelten irgendwann zum Vardshüs, um die beiden im Ziel zu begrüßen. Andreas kam mit ziemlich dicker Lippe an – im Wald hatte jemand vor ihnen einen Hornissenschwarm aufgeschreckt. Massig Quallen im Wasser, aber die eigentliche Gefahr kam aus der Luft. Gut, es ist niemandem ernsthaft etwas passiert.

ÖTILLÖ Final 15 K Training Utö1 - Foto: SwimRun Germany
ÖTILLÖ Final 15 K Utö Trainig 2 - Foto: Swimrun Germany
ÖTILLÖ Final 15 K Hornisse - Foto: SwimRun Germany

Anfahrt nach Sandhamn

Am Sonntag verliessen Julian, Michael und ich Utö Richtung Stockholm. Michael auf dem Weg zurück zum Flughafen und nach Deutschland, wir beide zum Grand Hotel. Dort würde die ÖtillÖ Fähre nach Sandhamn ablegen. Eine Horde SwimRunner am Kai. Vorfreude, Wiedersehensfreude und ein deutlicher Hauch von Anspannung und Nervosität. Die Fahrt dauerte ca zwei Stunden, draussen auf dem Wasser Wellen und immer wieder Regentropfen an den Fenstern. Der Wetterbericht für Montag alles andere als vielversprechend. Auf Sandhamn wurde jeder einzelne von uns beim Verlassen der Fähre von Michael Lemmel und Mats Skott persönlich begrüßt. Der erste Weg ging gleich zur Registration. Genaue Kontrolle der Pflichtausrüstung: GPS-Funktion der Uhr, Versicherung, Erste-Hilfe-Pack, Pfeife, SwimRun Suit. Gut organisiert und problemlos. Das gesamte Seglärhotel ist von SwimRunnern belegt, einige Teams sind sogar auf einer Nachbarinsel untergebracht. Das ist neu, deshalb konnten weitere Startplätze zur Verfügung gestellt werden. Briefing, Abendessen und ab ins Bett. Start wird um 6 Uhr morgens sein.

Ötillö SwimRun World Championship - Foto: Jakob Edholm
Ötillö SwimRun World Championship - Foto: Pierre Mangez
Ötillö SwimRun World Championship - Foto: Jakob Edholm

Start zur SwimRun World Championship 2017

Montag: es ist noch dunkel, es ist recht kalt, es ist sehr windig. 148 Teams stehen vor dem Seglärhotel und warten im leichten Regen auf den Startschuss. Später erfahre ich, dass erst zehn Minuten vor dem Rennen entschieden wurde, es überhaupt zu starten. Plan B war eine komplett ausmarkierte Alternativstrecke mit geschützteren Schwimmstrecken. Wellen und Strömung sollten für uns an diesem Tag die grosse Herausforderung werden, der Wind und der Regen an Land würden es nicht einfacher machen.

6 Uhr. Böllerschuss. In der Dämmerung rennt das Feld über die Insel etwas mehr als einen Kilometer zur ersten Schwimmstrecke. Es ist zugleich die längste. Ein Stroboskop am Ende macht das Orientieren recht einfach, trotz der aufkommenden Wellen. Ich schwimme vorne, halte mich etwas am linken Rand, um nicht in das Geheddere mit den Leinen der anderen Teams zu kommen. Wir schwimmen eine gute Pace. Gegen Ende muss ich den Kurs etwas korrigieren, ich bin etwas zu weit nach links gekommen. Die folgende Laufstrecke ist heftig. Entlang der Wasserlinie, mal im Wasser, mal knapp darüber über Steine in allen Größenordnungen, glitschig. Teils unter dem Böschungsbewuchs durch krabbeln. An Rennen ist nicht zu denken. Es folgt ein Inselhopping, wellige Schwimmabschnitte, trailiges Laufen. Irgendwie habe ich im Schwimmen heute einen Linksdrang … kann das aber meistens rasch genug korrigieren. Wir schwimmen wirklich gut. Der erste Cutoff auf Runmarö ist schon mal kein Problem. Der zweite geht mir im Kopf rum: beim gestrigen Briefing wurde der nämlich wegen der schlechten Bedingungen um 45 Minuten verkürzt.

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Pig Swim

Aus den trailigen Wanderabschnitten werden rutschige Kletterpassagen, das Wasser wird zunehmend richtig wellig. Der Cutoff auf Nämdö wird enger. Wir sind bereits fünf Stunden unterwegs und rennen über die Insel, glücklicherweise jetzt auf einem Forstweg. Tempo, nicht reden, einfach rennen. Und wir schaffen es. Etwa zwölf Minuten Luft. Essen, Energie tanken. Der nächste entscheidende Abschnitt wird uns zum berüchtigten Pig Swim bringen. Der Blick auf die Wellen ist nicht ermutigend. Ein Helfer hängt im Gestänge des Versorgungszeltes, der Wind nimmt zu. Im Wald vor uns bricht ein Baum ab. Es wird stürmisch. Und dann stehen wir auf den Felsen vor dem härtesten Schwimmabschnitt: 1400m Wellen und Strömung. Ein Stroboskop auf der gegenüberliegenden Klippe, ausserdem kann ich zwei Boote ausmachen. Mir ist kalt, nass laufen im Regen und Wind zieht Energie. Kurze Überlegung, wer vorne schwimmt. Ich werde anfangen. Klippe, Stroboskop, Boote. Und Wellen, hohe Wellen. Ich erinnere mich an meinen Linksdrall. An Booten sollte man sich nicht orientieren. In einem Wellental verliere ich das Stroboskoplicht. Aber die Klippe kann ich ausmachen. Julian übernimmt die Führung, wir kommen der Klippe näher. Wo ist die Markierungsfahne für den Ausstieg? Im Kampf mit den Wellen klettern wir auf die Felsen. Und sehen die Fahne. Etwa 600m entfernt auf einer anderen Insel. Etwa 600m gegen Wellen und Strömung. Wir sind viel zu weit nach rechts geschwommen. Warum? Wir müssen da rüber, irgendwie. Ich gehe wieder vor, kann mich aber gar nicht mehr orientieren, schwimme wieder zweimal in die falsche Richtung. Julian hat Krämpfe. Wir sind beide am Ende, kämpfen uns brustschwimmend vor, Meter um Meter. Das hat nichts mehr mit Schwimmen zu tun, es geht nur noch um den Kampf ums Ankommen, nur noch gegen die Wellen den richtigen Ausstieg erreichen. Wir schaffen es, irgendwie, irgendwann. Unser Ausstieg wird gefilmt. Erschreckend, das später zu sehen.

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Das Ende unseres Ö-Abenteuers

Ohne Hilfe kommen wir alleine nicht aus dem Wasser. Wir waren eineinhalb Stunden in den Wellen, 2.3km statt der eigentlichen 1.4km. Weiter. Mir ist hundselend kalt. Falle immer wieder hin, bin völlig ataktisch. Was ist los? Ich kämpfe mich Schritt für Schritt vorwärts, Julian hebt mich mehrmals vom Boden auf. Irgendwann registriere ich die Besenläufer hinter uns. Der Cutoff! Wie weit, wieviel Zeit noch? Ich verfalle in eine Art Laufschritt, wir erreichen die Versorgungsstation auf Morto Bunson. Zehn Minuten vor dem Cutoff. Und ich sehe Wasser, eine weitere Schwimmstrecke. Ich wache aus meiner Lethargie auf und sage „nein“. Ich kann mir nicht vorstellen, ein weiteres Schwimmen zu schaffen. Später erfahre ich, dass zwischen dem Pig Swim und diesem Cutoff 38 Minuten lagen sowie ein kurzes Schwimmen. Ich weiss es nicht mehr. Nach 8 Stunden und 27 Minuten ist das Abenteuer ÖtillÖ bei 45,09km beendet. In drei Decken gehüllt werde ich zum wartenden Fährboot gebracht.

Zurück auf Utö

Eine knappe Stunde später erreichen wir Utö. Anders als gehofft. 20 Minuten in der Sauna des Vardshüs wärmen mich wieder auf. Wir sehen die glücklichen Gesichter der 119 Finisherteams. Wir gehören nicht dazu. Ich bin froh, dass wir es überhaupt so weit geschafft, dass wir dieses Verschwimmen überstanden habe. Aber wir hätten es ganz schaffen können, wir lagen gut im Rennen. Ich habe die Orientierung verloren. Zu wenig Energie? Zu wenig Kraft im Kopf? Doch zu wenig Training? Hab ich Julian die Möglichkeit zum Finish genommen, weil ich zu schwach war? Es hat eben doch nicht alles gepasst. Wir sind draussen. Eine grosse Chance vertan. Werde ich je die Möglichkeit haben, hier wieder einen Startplatz zu bekommen?

Es geht mir noch tagelang im Kopf rum, eher wochenlang. Ich bin bis jetzt noch nicht richtig fertig damit. Aber: wir haben trotz allem einen tollen Tag gehabt, es war eine „lifetime experience“ und wir haben eine wirklich gute Leistung abgelegt.

Und hallo??? Wir sind Teilnehmer der SwimRun World Championship gewesen, wir waren beim „Grossen Ö“ dabei!

2018-04-15T12:46:15+00:00Von |0 Kommentare

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